Dienstag, 5. September 2017

Interview mit dem Pianisten Rainer-Maria Klaas über „DIE ANDERE MODERNE"

Interview mit dem Pianisten Rainer-Maria Klaas über „DIE ANDERE MODERNE"
Zum Konzert mit Publikumspreis DIE ANDERE MODERNE 2017 am 3.9.2017 um 18 Uhr im Nibelungensaal des Alten Rathauses Lorsch
Stadt Lorsch: Martin Münch schreibt „Wir haben das Format des Neckar-Musikpreises  vor sechs Jahren aus der Taufe gehoben. Wir möchten beweisen, dass neue ernste Musik nicht automatisch unverdaulich, ausschließlich dissonant und Publikumsschreck-mäßig nach Donaueschingen oder Darmstadt klingen muss, vielmehr auch verständlich sein kann, spannend und manchmal richtig verführerisch.“ – Das klingt ein bisschen herablassend oder verächtlich, was die moderne E-Musik betrifft, finden Sie nicht?
RMK: Die Problematik der Publikumsferne von Neuer Musik gibt es nach wie vor, auch wenn die Fronten nicht mehr so undurchdringlich sind wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Natürlich kann es auch bei der „Anderen Moderne“ nicht um Hörer gehen, die schon bei der kleinsten Dissonanz – etwa bei Beethoven, Chopin oder Debussy – zusammenzucken; die müssen ihr Heil in einfacherer Musik suchen, warum auch nicht.
Stadt Lorsch: Teilen Sie denn die Meinung von Martin Münch?
RMK: Insoweit er Musik meint, die bewusst auf hermetische Abgrenzung vom „einfachen Hörer“ angelegt ist, die man stundenlang auch dem Fachmann erklären müsste, um sie halbwegs „genießbar“ zu machen: ja;
oder Musik, die rein theoretisch konzipiert, deren Klangergebnis also eher Nebensache oder Zufall ist: ja;
oder Werke, deren Ausführbarkeit auf den beteiligten Instrumenten in Frage steht, weil der Komponist sein Metier nicht beherrscht: ja.
Übrigens auch alles, was zu lang oder zu langweilig ist, aber das gibt es auch schon in früheren Jahrhunderten.
Stadt Lorsch: Was also erwartet das Publikum am 3. September?
RMK: Vor allem: Eine äußerst vielseitige Mischung von Personalstilen und originellen Kompositionsansätzen, die überwiegend beweisen, dass das Potential zu „Neuem“ noch nicht erschöpft ist – darunter übrigens wiederum ein Dutzend Uraufführungen.
Stadt Lorsch: Martin Münch beklagt, dass es der Preis schwer habe, weil er „quer zum Mainstream“ liege in seiner Ausrichtung. Kann man, was zeitgenössische E-Musik betrifft, überhaupt von „Mainstream“ sprechen?
RMK: Wir geben mit diesem Wettbewerb zahlreichen Komponisten (es haben seit Beginn rund 70 teilgenommen) eine Möglichkeit, Gehör zu finden, die bei den meisten der gängigen Kompositionswettbewerbe keine Chance hätten – insofern liegen wir außerhalb eines gewissen „Mainstreams“.
Stadt Lorsch: Was glauben Sie, wird durch diesen Preis befördert? Der Mut, sich überhaupt auf so einen Begriff wie „Moderne“ einzulassen?
RMK: Was das Publikum angeht, ist das sicher ein Aspekt. Aber auch den Komponisten wird eine Plattform geboten, die in dieser konzentrierten und regelmäßigen Form, wenn ich es richtig sehe, sonst nicht existiert.
Stadt Lorsch: Ist der Begriff der „Anderen Moderne“, unter dem das Konzert firmiert, nicht irreführend, weil er eigentlich historisch zurückführt (immerhin sind wir ja mindestens schon in der Postmoderne). Hat man den Begriff des „Zeitgenössischen“  bewusst vermieden, um niemanden zu verschrecken?
RMK: In meinen jungen Jahren unterschied man im Konzertbetrieb ganz im Gegenteil zwischen „Moderne“ (die möglicherweise das Publikum abschreckte) und „zeitgenössischen Komponisten“ (die als „verdaulich“ galten, wie Hindemith, Britten, Milhaud etc.). Die „Postmoderne“ taugt meines Erachtens nicht als dauerhafter Begriff für eine neue Epoche. Wir müssen als Kunstschaffende uns schon weiter an der jeweiligen „Moderne“ abarbeiten.
Lorsch: Man spricht von der Musik des 19. und der Musik des 20. Jahrhunderts (als deren ausgezeichneter Interpret Sie genannt werden). Was ist der Musik des 21. Jahrhunderts hingegen eigen? Und werden wir diese Anklänge in dem Konzert ausmachen können?
RMK: Wie ich schon andeutete, die Musik des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich für mich – noch – nicht griffig genug von den Strömungen des 20. Jahrhunderts. Das müssen Spätere beurteilen. Das 19. Jahrhundert hat man etwa 1890 oder 1910 auch noch nicht als homogenen Block gesehen.
Stadt Lorsch: Was  muss für Sie ein Stück oder gar eine neue Komposition enthalten, damit Sie diese elektrisiert, gefangen nimmt, begeistert?
RMK: Soweit es um Klavierwerke geht, erwarte ich eine wirklich klavierspezifische Klangsprache, die es dem interpreten ermöglicht, zu „zaubern“, also letztlich das Klavier vergessen zu machen und sich komplexere Klangkörper (Streichquartett, Chor, Orchester etc.) vorzustellen.
Stadt Lorsch: Ungewöhnlich ist Ihre Bandbreite. Üblich ist eher, dass sich ein Interpret zu einem einzigen oder einigen wenigen Komponisten, zu einer Epoche hingezogen fühlt. In Bezug auf Sie spricht man von 2000 Kompositionen und 900 Komponisten, die Sie in Ihrem Repertoire haben. Was treibt Sie an: ein eher sportlicher Ehrgeiz, eine künstlerische Fragestellung oder eine musikalische Unersättlichkeit, eine unersättliche Neugier auf möglichen neuen Erkenntnisgewinn?
RMK: Die Neugier, immer wieder neue Stücke in die Finger zu bekommen, treibt mich seit meinem 12. Lebensjahr um. Die Vielzahl der Komponisten ergab sich zum Teil aber auch eher zufällig durch meinen häufigen beruflichen Einsatz als Kammermusiker, bekannt dafür, dass er auch kurzfristig ein neues Stück lernen kann. Es gibt aber eine Reihe von Komponisten, von denen ich über die Jahrzehnte viele Stücke gespielt habe und denen ich vorzugsweise „treu“ bin, so Bach, Mozart, Beethoven, Chopin, Liszt, Alkan, Brahms, Debussy, Godowsky, Skrjabin, Rachmaninow, Reger, Ravel, Prokofjew, Hindemith, Castérède, Münch – eigentlich keine völlig ungewöhnliche Liste.
Stadt Lorsch: Haben Sie innerhalb der diesjährigen Einsendungen zum Neckar-Musikpreis schon einen Favoriten? Und warum?
RMK: Das würde ich im Vorfeld des Wettbewerbskonzert tunlichst nicht verraten. Es gibt aber einige Stücke, die ich in den kommenden Monaten gern im akuten Repertoire behalten und hier oder da noch einmal aufführen möchte.

Das Interview mit Rainer-Maria Klaas führte die Leiterin des Kulturamtes Lorsch Gabi Dewald.

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