Mittwoch, 29. Oktober 2014

Musikalische Freigeister


Maurice Ravel: Bolero
W. A. Mozart: Fantasie d-moll
Alexander Skrjabin: Sonate Nr. 2 gis-moll op. 19
Claude Debussy: Danse
Martin Münch: Katharsis XXVII - Improvisation

- - - P a u s e - - -

Martin Münch: Märchen und Arabesken op. 32
Claude Debussy: L'isle joyeuse
Alexander Skrjabin: Sonate Nr. 9 op. 68 "Schwarze Messe"
W. A. Mozart: Menuett und Gigue
Maurice Ravel: La Valse


Das Konzertprogramm "Musikalische Freigeister" steht unter dem Motto:
Freigeister, Ekstase, Zerstörung und Welterschaffung
Ein Spiegelkonzert zu Komposition, Destruktion, Risiko und Freiheit.

Bekannte und maßstabssetzende ekstatisch-intensive Werke von prominenten musikalischen Freigeistern werden die Zuhörer in die schillernde Epoche der Jahrhundertwende versetzen und - kontrastierend mit Musik von Mozart und eigenen Werken des Komponisten und Pianisten Martin Münch - einen Hörgenuss
der besonderen Art bieten.

Wir leben in einer Zeit, in der die mühsam errungenen Grund- und Menschenrechte als Basis jedes zivilisierten und lebenswerten Zusammenlebens erneut durch die Religion und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihr bedroht sind. Diesmal indes weniger durch das Christentum mit seiner jahrtausendelangen Kriminalgeschichte, sondern durch den noch ungebändigten, ungezähmten archaisch-brutalen Islam und unsere Unfähigkeit, dessen politischen Anmaßungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen entschieden entgegenzutreten. Die Frage, wie eine Gesellschaft menschlicher und lebenswerter zu gestalten ist, haben sich Freigeister zu allen Epochen gestellt; viele haben dieses Nachdenken mit dem Leben bezahlt. Selbst einem Religionsstifter wie Jesus Christus kann der Aspekt eines ursprünglich teilweise freigeistigen Impulses nicht abgesprochen werden, wenn er sich bemühte, inhumane Absurditäten des alten Testaments kritisch zu beleuchten und aufzuweichen. Indes bewährt sich wahre Freigeistigkeit immer wieder durch die Zurückweisung aller vermeintlicher Dogmen und Glaubenswahrheiten. Sie manifestiert sich darin, keine Sätze mit ewigem Wahrheits- und Unterordnungsanspruch zu verkünden, sich einem solchen Anspruch umgekehrt auch nicht zu beugen, sondern individuell seinen Weg zu gehen, zu zweifeln, zu suchen, zu fragen und keine vorgefertigten fremden Antworten, auch und gerade nicht solche der Religion, als bequeme Pseudo-Lösung zu akzeptieren.

Die Komponisten des heutigen Konzertabends waren bzw. sind allesamt solche Freigeister in diesem Sinne. Die biographische Literatur ist voll von Zitaten, die die teils religionskritische oder pantheistische, teils stark individualistische aber stets freigeistige Haltung der Autoren dokumentieren. Hier stellt sich freilich als allererstes die Frage: War Mozart, der gläubige Katholik, ein Freigeist? Er, der die Religion mit ihren vermeintlichen Wahrheiten niemals infrage stellte; er, der beim Tode des Aufklärers Voltaire gejubelt hat: "Daß der gottlose und Erzspitzbub sozusagen wie ein Hund, wie ein Vieh krepiert ist, das ist der Lohn". Andererseits stand Mozart ausweislich seiner Oper "Die Zauberflöte" der Freimaurerei nahe (und trat ihr 1784 bei), die sich einen guten Teil von Voltaires Aufklärungsideen zu eigen gemacht hatte, und sich "Die Eintracht unter den Menschen", die Relativierung von Konfessionsunterschieden,  ein aufgeklärtes Christentum sowie sogar eine "Schule der Toleranz" als Ziele vorgenommen hatte. Die Freimaurerei kommt mit diesen Zielen dem weltlichen Humanismus und der Freigeistigkeit zumindest nahe. Vielleicht wichtiger noch ist die individuelle Komponente: Mozart war von seiner Bildung, Produktivität, Berühmtheit und seinem Genie überzeugt, was im Gegensatz zu seiner gesellschaftlichen Stellung stand. Seine Reisen können als Versuch aufgefaßt werden, die feudalen Fesseln zu überwinden und seine Kündigung der Stelle am Salzburger Hof brachte musikgeschichtlich die Geburt des freischaffenden Künstlers mit sich. Gedanklich hat sich Mozart seinen kritischen und lebendigen Geist nie verbieten lassen, seine Briefe sprechen da eine mitunter kraftvolle, oft erotische und auch deftige Sprache. Ein religiöser Freigeist also? Nein, das widerspricht der Definition des Wortes und wäre ein Widerspruch in sich. Aber Mozart war ein Musiker, der sich die Freiheit des Geistes und der Kunst nicht nehmen ließ. In seiner Todesstunde soll Mozart sogar das Erscheinen eines Pfarrers zurückgewiesen haben, woraufhin er im Armengrab beerdigt wurde.

Der russische Komponist Alexander Skrjabin kommt mit seinem im Kern pantheistischen und das künstlerische Individuum in den absoluten Weltmittelpunkt rückenden Solipsismus der klassischen Definition eines Freigeistes von den drei vorgestellten Komponisten der Jahrhundertwende womöglich am nächsten - auch wenn die beiden anderen Debussy und Ravel wiederum ausgewiesene Atheisten waren. Skrjabin schreibt in einem seiner Briefe: "Es gibt keine Wahrheit! Jene Wahrheit, für die so viel Genies gelebt haben um derentwillen so viel Blut vergossen worden ist, so viele Menschen hingemordet sind! [Aber:] Was ist denn dann unser ganzes Leben? Es ist nur das, was ich selbst erlebe, nur das, was ich wünsche und erstrebe. Es ist ein Spiel, mein freies Spiel, und hat somit nur als Vorgang an sich Wert für mich!"
Skrjabins "Schwarze Messe" ist allein schon vom Titel her so etwas wie der Inbegriff eines Freigeister-Stückes. Der Monotheismus hat über lange Jahrhunderte sich bemüht, das satanische Prinzip als das "Böse" schlechthin zu deklarieren. In diesen Topf wurde dann neben alledem, was wirklich gegen die Lebendigkeit und das Wohlergehen gerichtet ist wie Mord und Totschlag auch all das gepackt, was lediglich gegen die eigene Vorherrschaft gerichtet war: Hinterfragung, Zweifel, Ungehorsam, erotische Selbstbestimmung und Nichtakzeptieren der Autorität oder Quittieren eines vermeintlichen Wahrheitsanspruches mit schallendem Hohngelächter. Es werden sich in der humanistischen Tradition keine Freigeister finden lassen, die dem "Bösen" in ersterem Sinne das Wort reden, umso mehr jedoch, die sich dem beschriebenen zweiten Sinne zugetan fühlen. In seinem "Poème satanique" steht das höhnisch unbotmäßige Gelächter noch im Vordergrund, in der "Schwarzen Messe" geht es dann freilich um die Auseinandersetzung mit dem Bösen in einer existenziellen Dimension. Skrjabin, der mit seinem bekannten poetischen Diktum "Ich bin Gott" immer wieder für kontroverse Diskussionen gesorgt hat, wäre die Unterwerfung unter einen personifizierten "Satan" genauso fremd gewesen wie die unter einen (anderen) "Gott".

Maurice Ravel wiederum stand der Religion denkbar fern. Er hegte eine Art von Abscheu gegen die Beschäftigung mit religiösen Stoffen, die sich als roter Faden durch das musikalische Schaffen der meisten Komponistenkollegen zog: Messen, Requiems, geistliche Lieder, religiöse Opernthemen, christentumsgeschwängerte Symbolik. Ravel bevorzugte archaisch-mythische Leitgedanken, Stoffe mit einer allgemeinmenschlichen Ausrichtung, Themen mit sageneingebetteten und humanistisch-grundlegenden Bezügen. In seiner privaten Lebensführung ließ sich Ravel in kein Schema pressen. Er zeigte sich stets diskret, seine wahren Gefühle blieben selbst seinen engen Freunden oft rätselhaft. Ravel heiratete nie, selbst eine Lebenspartnerschaft ist er nicht eingegangen, das Erlebnis emotionaler Verbundenheit lebte er in seinen intensiven und langjährigen Freundschaften, Sex indes fand er am ehesten auf unverbindlichstmögliche Weise im Pariser Bordell. All das ist geeignet, Ravels areligiöse und undogmatische Freigeistigkeit aufzuzeigen. Am deutlichsten wird sie allerdings womöglich, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie Ravel, der eigentlich in seiner politischen Orientierung Nationalist war, auf eine französische Initiative im letzten Kriegsjahr des ersten Weltkriegs reagierte, als alle Kulturschaffenden um eine Unterschrift gebeten wurden, daß in Frankreich nur noch französische Theater- und Musikstücke aufgeführt werden sollten, französische Kunst gezeigt und französische Literatur verlegt werden sollte. Ravel antwortete eindeutig, indem er deutlich machte, daß große Kunst und Musik, egal aus welchem Land, der ganzen Menschheit gehöre. Er verweigerte seine Unterschrift.

Claude Debussy wurde in seiner Eigenschaft als areligiöser Freigeist spätestens durch die Komposition seines "Martyre de St. Sebastien" bekannt. Obwohl es sich bei der Textvorlage zu diesem Werk um einen religiösen Stoff handelt, wurden alle Besucher des musikalischen Ereignisses vom Papst mit der Exkommunikation bedroht. Zu weit waren diesem Handlung und Sichtweise von der katholischen Lehrmeinung entfernt. In einem anderen Werk zeigt sich Debussy wiederum als generöser Freigeist, als er in zwei Tänzen für Harfe und Streicher auf der einen Seite den von ihm so titulierten Danses sacrées auf der anderen Seite Danses profanes gegenüberstellte. Das Heilige hier ist von einem orthodoxen Religionsverständnis denkbar weit entfernt und meint eher das kultisch-Rituelle im allgemein menschlichen Sinne.
Von Claude Debussy ist auch eines der zentralen Werke, das eindringlich deutlich zu machen imstande ist, daß es mit der bieder-romantischen Suche nach der "blauen Blume" und all der damit einhergehenden verschnörkelten Verweigerung des Eingeständnisses, daß das Ziel jeden menschlichen Strebens letztlich der von den Religionen immer wieder eingekerkerte, drangsalierte, unterdrückte und negierte Eros ist, mit der Jahrhundertwende vorbei war. Sein monumentales Einzelwerk L'Isle Joyeuse manifestiert den dionysischen Taumel schlechthin, als Thema wie als hervorgerufener Zustand. Es ist Ausdruck einer ekstatisch-orgiastischen Hochstimmung in einer antiken Traum- und Ideallandschaft - die alten Griechen schrieben dem lydischen Modus, der in der Komposition eine tragende Rolle spielt, sinnliche Ausstrahlung zu. Über die pianistische Seite dieses beliebten und virtuosen Stückes meinte Debussy selbst: "es verbindet Kraft und Anmut" und verweist damit auf Begriffe, die einer Balance von Geist und Eros nahekommen. Angeregt wurde das Stück 1903 vermutlich durch das Bild "Einschiffung nach Kythera" (1717/18) des französischen Malers Antoine Watteau. Diese griechische Insel galt in der Mythologie als Insel des Glücks und der sinnlich-erotischen Erfüllung. Der Titel L'Isle joyeuse kann zudem als Anspielung auf die Insel Jersey, wo Debussy es 1904 bei einem Aufenthalt völlig umarbeitete, verstanden werden. Sie diente Debussy als Refugium, als er mit seiner neuen Liebe Emma Bardac aus Paris geflohen war, wo etliche seiner Freunde ihm gegenüber die Rolle moralischer Sittenwächter eingenommen und ihm wegen der Trennung von seiner ersten Frau die Freundschaft aufgekündigt hatten. Auf dieser imaginären Freudeninsel ist hingegen erotisch alles erlaubt, sie verspricht die Erfüllung aller wollüstigen und sinnlichen Sehnsüchte, hier leuchtet üppige Fülle und es strahlt die Kraft eines sinnenfreudig in die rauschhafte Erfüllung hinein gesteigerten Lebensgefühls.

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