Samstag, 15. Oktober 2016

1866-1916 : Satie, Busoni und Reger zur Zeit der Jahrhundertwende

von Sylvie Nicephor (Paris)
Die aufs Jahr genauen Zeitgenossen Eric Satie (1866-1925), Ferruccio Busoni (1866-1924), und ihre Entsprechung Max Reger (1873-1916) repräsenteren gut alle drei das Ereignis des musikalischen Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Heute, 150 Jahre nach der Geburt der beiden ersten und hundert Jahre nach dem Verscheiden des dritten, bleibt es interessant ihre Wege zu untersuchen. Ein Jahrhundert ist nicht so lange, und das mag der Grund dafür sein, aus dem heraus die Musik von Eric Satie, Ferruccio Busoni und Max Reger unsere gleichzeitige Sensibilität sehr direkt berühren. Ihre Partituren, bei aller musikalisch sehr verschiedenen Schreibweise, überraschen uns immer wieder aufs Neue durch ihre Lebendigkeit, ihre Beseeltheit, ihre Persönlichkeit. Zur Zeit der Jahrhundertwende, die in der heroischen Ära des technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts begann, existierte im musikalischen Europa eine post-romantische Generation, die die Eckpunkte einer musikalischen Zukunft in den Boden rammten, und von der diese drei Komponisten durch ihre Brückenschläge und ihre ästhetische Wahl als repräsentativ betrachtet werden können.

Unsere zeitgenössische Epoche, die hundertste Jahrestage aufmerksam zur Kenntnis nimmt, hat keine so weit entfernte Wahrnehumg dieser letzten Jahrhundertwende des « fin de siècle». Unser Jahr 2016 hat begonnen mit dem Tod von Pierre Boulez (geboren 1925, im gleichen Jahr in dem Eric Satie verstorben ist). Ungefähr ein halbes Jahrhundert vor der Generation « 1925 » die die Tradition der musikalischen Komposition in West-Europa umwälzte, existierte eine Generation von Vorgängern, die die Modernität auf sehr verschiedenartigen Wegen betraten.

Auf den ersten Blick scheinen Ferrucio Busoni und Eric Satie das völlige Gegenteil voneinander zu sein. Der Erstgenannte, aufgewachsen in einem musikalischen Elternhaus, pianistisches Wunderkind und frühreifer Komponist, entwickelte sich am Busen einer artistischen Elite, er lernte Liszt, Brahms und Rubinstein kennen. Eric Satie, eine antikonformistische Persönlichkeit, fiel bei den Prüfungen des Pariser Konservatoriums durch und nahm seine Kontrapunkt-Studien erneut im Alter vom 40 Jahren an der Schola Cantorum auf. Der erste lebte in Leipzig, einem der wichtigsten Musikorte Deutschlands, der durch die Statur J.S. Bachs und eine Linie grosser Nachfolger dominiert wird, welche sein Andenken lebendig halten. Der zweite war häufiger Gast im Kabarett des « chat noir » auf dem Montmartre, einem sehr räpresentativen Ort der Pariser Bohème des « fin de siècle », an dem sich Dichter und Chansonniers trafen. Dieser « alternative » Ort war gleichermassen ein ésoterisches und politisches Zentrum und besaß seine eigene Zeitschrift. Als internationaler Künstler, der in mehreren Ländern lebte, hat F. Busoni zahlreiche offizielle Positionen als Dirigent, Pianist und Rektor des Konservatoriums Bologna bekleidet. Als armer Pariser hat E. Satie den Humor und die exzentrische Provokation kultiviert. F. Busoni lehrte K. Weill Komposition und Claudio Arrau Klavier. Auf einer informellere Weise wurde der Weg von Satie fortgesetzt durch die  « école d’Arcueil », eine « moderne » Komponistengruppe, die von der Persönlichkeit Henri Sauguets domiert wurde, einem Bewunderer Eric Saties. Dieser arbeitete zusammen mit Debussy und Ravel, aber auch mit J. Cocteau, S. Diaghilev, P. Picasso, und das bedeutet mit der Avantgarde seiner Zeit.

F. Busoni und E. Satie engagierten sich aktiv in der Suche einer musikalischen Erneuerung, der erste basierend auf dem Erbe der musikalischen Romantik  und sich auf einer nach Liszt'schen neoklassischen, kontrapunktischen Linie positionierend, die eine « offene » und manchmal unbestimmte Tonalität nutzte, allerdings auch die Polytonalität und die Modalität. Der zweite scheint sich von einem belastenden Erbe zu befreien um einen einzigartigen Weg zu finden, melodisch, bilderreich, farbig, sehr repräsentativ für die franzlösische Musik, von der die Innovationen in den Feldern der Harmonie und der Modalität ausgehen. Alle beiden zeichnen sich durch ein wichtiges Klaviermusik-Schaffen aus: der erste schreibt dichte Partituren, ausgearbeitet, mal intim, mal perkussiv, mit denen er die Möglichkeiten des Instruments erweitert, der zweite adoptiert einen blanken, klaren und minimalistischen Stil, dessen besondere Poésie aus seiner Imagination ganz spontan herauszuspringen scheint.

Der sehr traditionelle Entwicklungsweg von Max Reger, der seine erste Musikausbildung durch seinen Vater, später als Schüler von H. Riemann erhielt, ist gleichermassen dem von E. Satie entgegengesetzt. Als Kapellmeister und Kompositionsprofessor in Leipzig hat er ein unglaublich umfangreiches und vielseitiges Gesamtwerk hinterlassen, das durch ein überbordendes Erschaffen von Orgelmusik gekennzeichnet ist. Er wurde zunächst von R. Wagner beinflusst, und schrieb als Kontrapunktiker und Konservativer, ganz wie F. Busoni, Variationen über bekannte Werke, machte J.S. Bach seine Aufwartung, und nahm in seinen Schriften Stellung zur Musik seiner Zeit. Von A. Honegger und A. Schoenberg wurde er bewundert und wurde wichtig für die kommenden Generationen.

F. Busoni und M. Reger verbindet ein Übergang, der als « post » oder « néo » bezeichnet werden kann. Er ist häufig verwurzelt in der Kunst des Kontrapunkts, den beide Komponisten kontinuierlich praktiziert und weiterentwickelt haben, insbesondere durch die Komposition von Fugen (eine nach wie vor lebende Form), und in einer Öffnung und Ausweitung der Tonalität durch die Chromatik - ein Prozess der auf mehr oder weniger lange Sicht die Perspektive der Atonaität heraufbeschwor. Reger fand einen Bewunderer in der Person A. Schoenbergs, der einige seiner Partituren arrangierte, ganz wie M. Ravel E. Satie orchestriert hat. So sehr seine deutsch-italienische Entsprechungen sich über die formale Architcktur, die Bezugnahmen auf die musikalische Vergangenheit und die Weiterentwicklung der pianistischen Technik vornehmen, auszeichnet, läßt sich E. Satie mehr im Bruch mit den stilistischen Traditionen verorten, wobei er damit fortfuhr, eine französische Ästhetik zu entwerfen, die auf melodischer Originalität, harmonischer Farbigkeit, dem spontanen Eindruck und den kurzen Formen (images furtives, flüchtige Bilder) gegründet ist, die gelegentlich auch den Exotismus streift.

Diese drei visionären Komponisten haben folglich unterschiedliche Übergänge geschaffen, um in das musikalische 20. Jahrhundert einzutreten, indem sie die Vergangenheit aufgriffen und weiterentwickelten oder sich von ihr befreiten. Von der protestantischen Kultur Leipzigs zu einem Pariser Hedonismus inklusive Esoterik verkörpern diese Europäer eine vielgestaltige Diversität und lassen unterschiedliche Facetten der Keation erfahrbar werden. Indem sie ihre Haltungen verkörpern und sich vollständig für ihre kreative Mission engagieren, bleiben sie sehr attraktiv in einer heutzutage mitunter uniformen und desorientierten Welt. 

Sylvie Nicephor, Mai 2016
übersetzt von Martin Münch
(c) piano international eV

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